Leseprobe (Kapitel 3)

3

Das Sonnenlicht, das durch die geschwungenen, großzügigen Bogenfenster hereinfiel, ließ den weißen, marmornen Boden schimmern. Vier hohe Sessel, nahezu thronähnlich, erhoben sich an der Kopfseite des Raumes, erhöht auf einem Podest, dass von einer halbkreisförmigen Treppe umschlossen wurde. Glitzernd hoben sich die verschiedenen farbigen Edelsteine, die die vier Elemente repräsentierten, von der dunklen, glänzenden Oberfläche der Sessel ab.

Dieser Raum diente den Wächtern eigentlich als Audienzsaal, doch seit Jahren waren keine Bittsteller mehr erschienen. Die einzige Aufgabe der Wächter war es geworden, jene zu jagen und zu bestrafen, die das Gleichgewicht störten. Ansonsten benötigte man die Hilfe und Gunst der wohl mächtigsten Wesen der magischen Welt nicht mehr. Daher hatten sich die frisch aufgestiegenen Wächter hierher zurückgezogen, um Kraft zu tanken und zur Ruhe zu kommen. Auch wenn sie scheinbar vor ihren Pflichten flohen, warteten sie beinahe darauf gestört und mit Banalitäten belästigt zu werden. Während sie sich hierher zurückgezogen hatten, war es, als wären sie wieder einfache Magier. Als wären sie wieder einfach nur sie selbst. Alle Pflichten und Lasten waren für eine kurze Zeit von ihren Schultern genommen. Anaria, eine sanfte Erdmagierin, spielte mit ihrem Element und ließ es sich fröhlich austoben. Pink-violette Rosen erblühten. Durch das hereinfallende Sonnenlicht erstrahlten die Blütenblätter intensiv und Anarias dunkelrotes, beinahe schon Burgunder farbenes Haar leuchtete hell und flammend auf. Ihre Augen glitzerten vor kindlicher Begeisterung und sie vergaß völlig, dass sie eigentlich eine neue Heilpflanze entwickeln sollte. Zu ihren Füßen, den Kopf lässig an ihre Knie gelehnt, saß ein blonder, junger Mann, dessen Gesicht sanft wie das eines Engels war. Und ihm seinen Namen verlieh: Angelios, der Engelsgleiche. Er strahlte eine unerschütterliche Ruhe aus, während er kleine Regenwolken beschwor, die Anarias Rosen wässerten. Seine Augen, grau wie der sturmverhangene Himmel, glitzerten und es hatte den Anschein als würden Blitze in ihnen zucken. Ihnen gegenüber, alles andere als ruhig oder in Spielereien mit ihren Elementen vertieft, standen Raphaios und Amandria.

Amandria, schon vor ihrem Aufstieg zur Wächterin distanziert und abweisend, wirkte nun kalt wie Eis und seltsam gefährlich, so als würde unter ihrer scheinbar gelassenen Oberfläche ein Blizzard toben, der jederzeit zu eskalieren drohte. Sie war schon vor ihrem Aufstieg dafür bekannt gewesen einer zerstörerischen Sintflut zu gleichen, wenn sie gereizt wurde und niemand wollte wissen, wie sich das nun durch den Aufstieg verändert hatte. sie hatte, die ihr so eigene, freche Verrücktheit verloren und ging in der Rolle der unnahbaren Wächterin voll auf. Mit dem Rücken zu den anderen gewandt, stand sie an einem der Fenster und ließ ihren Blick wachsam über das Land gleiten. Raphaios, von einem inneren Feuer angetrieben, das seinen goldenen Augen leuchten ließ, wirkte wie eine Flamme im Sturm. Er war das Gegenteil von ihr. Warmherzig, anziehend, jedermanns Liebling. Doch nun wirkte er unruhig, seine Aura flackerte unstetig, während er scheinbar ruhig an der Wand lehnte. Seine Arme waren trotzig vor der Brust verschränkt, sein Blick war unablässig auf Amandria gerichtet.

Langsam schloss sie die Augen und wandte den Kopf Raphaios zu.

» Nun? Was beschäftigt dich? Ich kann dich bis hierher denken hören. «, in ihrer Stimme schwangen Ungeduld und Spott mit Neugier mit.

» Nichts. «

Keine spöttische, freche Erwiderung. Etwas stimmte ganz und gar nicht mit ihm.

Sie zog eine Augenbraue hoch und wollte gerade etwas erwidern, als es zögerlich an der Tür klopfte und diese im selben Moment aufflog. Fauchend wirbelte sie herum, die Hände über ihren beiden langen Schwertern griffbereit schwebend.

» Verzeiht die Störung, verehrte Wächter, aber…aber…nun…also… der Herr meinte…er wollte…nun…er dachte, Ihr…könntet dies…benötigen…er wollte, dass ich Euch dies überbringe. « unter ihrem kalten, abweisenden Blick zitterte der Diener des Lichtes und sank auf die Knie. Leichenblass überreichte er Amandria ein dickes, in Leder gebundenes Buch.

» Ah…das berühmte Reglement des Lichtes und der Dunkelheit, passend auf uns Wächter zugeschnitten. « etwas in ihrer Stimme ließ den Diener zu ihren Füßen vor Angst keuchen.

» Ja, mein Herr…«

» Ich weiß, warum er diesen Wälzer zu uns sandte…« sie sah ihn an, Verachtung und eine Spur Belustigung im Blick.

» Verschwinde, so lange du noch kannst! «

Wie sie dieses kriecherische Verhalten verabscheute! Dieses elendige Speichellecken! Angewidert hielt sie das Buch in Händen und wandte sich ab, das Häufchen Elend von Diener ignorierend.

Raphaios warf ihm einen mitleidigen Blick zu und half ihm aufzustehen.

» Es ist besser, wenn du jetzt gehst. « murmelte er ihm ins Ohr. Der Diener rannte, so schnell seine Beine es zuließen aus dem Raum und warf die Tür hinter sich zu.

» War das wirklich notwendig? Musstest du ihn so in Angst und Schrecken versetzen? « Anarias sanfte Stimme klang tadelnd und missbilligend.

Amandria warf ihr einen kurzen, intensiven, vielsagenden Blick zu und schlug die ersten Seiten auf.

» Oh, wunderbar. Als ob wir das große Sammelsurium der Richtlinien nicht kennen würden, denen wir unterliegen. Warum schickt er uns eine Abschrift vorbei? Hat irgendeiner von uns ansatzweise eine dieser unfassbar brillanten Regeln verletzt? Oder hat einer von euch das vor und ER winkt nicht nur mit einem Zaunpfahl sondern gleich mit einem ganzen Zaun?! « murmelte sie angespannt.

» Frag doch mal Raphaios. «, gelassen, fast schon gelangweilt drangen Angelios‘ Worte zu ihr durch. Amandria sah Raphaios auffordern an. Dieser druckste etwas herum und sah beschämt weg, um ihr nicht in die Augen blicken zu müssen.

» Nun…also…die Sache ist die…ähm…ja…ich…ich hatte versucht eine Regeländerung bei ihm zu erwirken. Es gibt da halt einiges, womit ich nicht wirklich einverstanden bin und…die uns allen das Leben schwer machen. «, er grinste sie unsicher, aber entschuldigend an.

» Und die wäre? « die Temperatur im Raum sank, ihre Stimme klang so kalt, dass das Eis in ihrem Tonfall nahezu spürbar war. Sein Grinsen erstarb.

» Das Beziehungen führen dürfen! Das wir uns binden dürfen! Ich bin es so leid, dass wir mit nichts und niemand befreundet sein dürfen! Ich will meine Gefühle ausleben! Schau dir Anaria und Angelios an! Sie sind für einander geschaffen! Aber sie dürfen nicht zusammen sein, weil es dieses…dieses…Verbot gibt! Genauso wenig dürfen WIR zusammen sein! Ich darf dich nicht lieben! Aber genau das will ich! Weil es und vorher bestimmt…«

»NEIN! Nein, wir würden NIE zusammen sein! Es hat seinen Sinn, dass es uns verboten ist. Wir sind dazu geboren worden, das Gleichgewicht zu bewahren! Unsere einzige Aufgabe- der Grund unserer Existenz!- ist es dafür zu sorgen, dass niemand seine Magie missbraucht! Wir jagen JEDEN, der gegen das Gleichgewicht verstößt! Egal ob Mensch, Dämon, Engel oder magisches Wesen! Wie sollten wir dazu in der Lage sein, wenn wir von unseren Gefühlen beeinflusst werden? Wenn unsere Gefühle und Bindungen unseren Kopf benebeln- wie sollen wir so in den Kampf ziehen? Ich verspüre nicht die geringste Lust mich an jemanden zu binden. Sei es nun Mensch oder Engel oder- man möge mich davor bewahren- Dämon. Ich will nicht irgendwann jemanden töten müssen, an den ich in irgendeiner Form gebunden bin! Nur weil dieser jemand glaubt durch die Verbindung mit mir habe er Narrenfreiheit! Und dasselbe gilt für Beziehungen zwischen uns. Glaubst du, du könntest noch ruhig und gelassen, voller Konzentration in den Kampf ziehen, wenn deine Gefühle für mich dich daran hindern auf deinen Gegner zu achten, nur weil du dich ständig nach mir umsiehst? Ich glaube nicht. « sie war immer näher an ihn heran getreten, während sie sprach. Sie stand so nah vor ihm, dass er nur einen kleinen Schritt machen müsste, den Kopf senken, um sie küssen zu können. In den dunklen Abgründen ihrer Augen völlig verloren, bewegte er sich unwillkürlich in ihre Richtung.

Plötzlich verhärtete sich ihr Blick und ihre Augen waren so schwarz wie die Nacht.

» Wir existieren nur um unsere Aufgabe zu erfüllen. Wir haben- im Vergleich zu den anderen Engeln- keinen eigenen Willen, keine Entscheidungsfreiheit. Wir sind geboren worden, um die uns auferlegten Regeln zu befolgen und unsere Aufgabe zu erfüllen. Wir leben, um für unsere Pflicht zu sterben! Für Gefühle ist hierbei kein Platz. Und wurde mit Absicht kein freier Wille gewährt! Wir befolgen unsere Befehle und achten unsere Gebote! «

Raphaios öffnete den Mund, in seinem Herzen brannte ein Feuer, das ihn zu verzehren drohte und er wollte etwas erwidern, doch sie hatte sich schon abgewandt, das Reglement nachlässig zur Seite geworfen. Sie stand wieder am Fenster, den Blick erneut unablässig nach draußen gerichtet.

» Aber ich liebe dich! « und noch während er es aussprach, noch während er den Fuß auf den Boden setzte, wusste er, dass er eben einen großen Fehler begangen hatte. Der marmorne Boden erzitterte als Eis aus ihm hervorbrach und sich ihm in den Weg stellt. Für einen kurzen Augenblick- so kurz, dass er nicht sicher war, ob er es sich nicht nur eingebildet hatte- trafen sich ihre Blicke und er glaubte darin Gefühle zu lesen, die sie sich nicht einmal selbst eingestehen wollte.

Geschockt streckte er eine Hand nach ihr aus, doch die eisige Kälte hielt ihn zurück. Knurrend beschwor er Feuer, doch eine sanfte, beruhigende Berührung auf seiner Schulter ließ ihn inne halten. Der Duft von Frühling hüllte ihn ein und in der glatten, spiegelnden Oberfläche des Eises erkannte er Anaria.

» Raphaios, lass sie. Du kannst sie jetzt nicht erreichen. Du weißt doch, was für ein Dickkopf sie ist.  « Ihre Augen verrieten ihm, dass sie ihm zustimmte und wie sehr auch sie unter dem Verbot litt. Ihr Blick suchte Angelios, der ihn festhielt. Sie sahen sich so voller Liebe und Zuneigung an, dass er es beinahe spüren konnte, so intensiv waren die Gefühle der beiden, die sie füreinander hegten. Es bereitete ihm Schmerzen.

Seufzend schüttelte er ihre Hand ab und verschwand in einer Flammensäule.

Amandria warf einen Blick über ihre Schulter auf die Stelle, auf der eben noch Raphaios gestanden hatte. Der Wind wehte ihr eine einzelne Strähne ins Gesicht und für einen kurzen Moment schimmerte eine Träne auf ihrer Wange.

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